Interview Staatspräsident Emmanuel Macron mit dem Fernsehsender Al Jazeera (31.10.20) [fr]

Der Staatspräsident hat dem Sender Al Jazeera ein Interview gegeben, in dem er auf die jüngsten Ereignisse, die Frankreich erschüttert haben, und die internationalen Reaktionen, die diese begleiteten und zum Teil heftig ausfielen, zu sprechen kam.

Zumal seine Äußerungen zum Kampf gegen den Separatismus oftmals verzerrt und jene zu den Karikaturen häufig verfälscht wurden, wollte der Staatspräsident seine Auffassung klar und in aller Ruhe darlegen, um diese Unwahrheiten nicht gedeihen zu lassen, sondern deren Verbreitung zu stoppen, und um die Grundlagen unseres republikanischen Modells erneut zu erklären.

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31. Oktober 2020 – Es gilt das gesprochene Wort

[…]

Danke, dass Sie sich zu diesem Interview mit Al Jazeera bereit erklärt haben. In Frankreich gab es zwei Anschläge innerhalb von zwei Wochen, in einer Schule in Conflans-Sainte-Honorine und in einer Kirche in Nizza, ein doppelter Schock. Die muslimische Welt verfolgt Ihr Vorgehen und Sie selbst verfolgen die Reaktionen in der muslimischen Welt. Was können Sie der muslimischen Welt heute sagen?

PR:
Danke für Ihr Kommen, und Sie erinnern zu Recht daran, dass unser Land gleich dreimal Ziel von Terrorakten war, die von gewalttätigen Extremisten verübt wurden, welche den Islam deformieren und missbrauchen. Terrorakte, die das französische Volk wahrhaftig bestürzt und verletzt haben: Die Enthauptung eines Lehrers, weil er sich seiner Freiheit beim Unterrichten bediente, und an diesem Donnerstag in einer Kirche in Nizza, der Basilika Notre-Dame, die Enthauptung zweier Personen und der Messerangriff auf eine weitere. Frankreich steht heute unter dem Schock dieser Anschläge, mit einem Gefühl der Trauer, aber auch der Einheit und der Wut. Und nun gab es zum ersten Mal, noch während sich diese Anschläge ereigneten, – wie ich schon sagen würde – sehr heftige Reaktionen im Ausland, die darin bestanden, Frankreich auf Grundlage vieler Missverständnisse anzufeinden. Diese wollte ich daher ausräumen, auch mit Ihnen, da ich verfolgt habe, was manchmal in Ihren sozialen Netzwerken zu lesen war und was Ihr Sender berichtet hat, und mir dachte, dass man viele Missverständnisse ausräumen sollte. Wenn Sie erlauben, werde ich meine ersten Worte an die Franzosen richten, die eher der katholischen Glaubensrichtung angehören, weil sie gestern eine tiefe Wunde erlitten haben. Ich möchte sie erneut der vollen Unterstützung und dem Schutz der Republik versichern. Ich habe vor ein paar Minuten mit dem Papst über eben dieses Thema gesprochen. Außerdem möchte ich, ganz allgemein, erneut betonen, dass Frankreich ein Land ist, das sich der Religionsfreiheit verpflichtet fühlt, ebenso wie dem, was man gemeinhin als Laizismus bezeichnet – ein so komplizierter Begriff, der sehr viele Missverständnisse verursacht, welche wir hoffentlich heute zerstreuen werden, und der, zur Erinnerung, die Freiheit beinhaltet, zu glauben oder nicht zu glauben. Dieser Laizismus macht Frankreich zu einem Land, in dem es unser Wunsch ist, dass jeder sich unabhängig von seiner Religion als Staatsbürger versteht, in dem jeder unabhängig von seiner Religion dieselben politischen und staatsbürgerlichen Rechte hat und in dem die Gesellschaft gewissermaßen im Einklang mit allen Religionen lebt, die innerhalb dieser Gesellschaft praktiziert werden – und das ist wichtig, denn die Transzendenz hat einen Platz in der Gesellschaft, aber der Staat muss dieses Recht auch jedem garantieren. Und was ich damit meine ist, dass – im Gegensatz zu dem, was ich in den letzten Tagen oft gehört habe – unser Land ein Land ist, das mit keiner Religion der Welt ein Problem hat, weil diese hier im Übrigen alle frei ausgeübt werden können. Was die Franzosen muslimischen Glaubens und im Grunde Bürger der ganzen Welt betrifft, deren Religion der Islam ist, so möchte ich ihnen sagen, dass Frankreich ein Land ist, in dem man auch diese Religion frei ausüben kann. Es gibt keine Stigmatisierung, all das ist falsch, denn Frankreich ist ein Land, dessen universelle Berufung es ist, dem Frieden und der Freiheit zum Ausleben jedweder Religion verpflichtet zu sein. Viele falsche Dinge wurden also gesagt. Ich wollte hier eine Botschaft der Standhaftigkeit gegen den Terrorismus und gegen all diese gewalttätigen Extremisten, aber auch des Friedens, der Einheit und der Wiederherstellung einer gewissen Wahrheit vermitteln. Das ist das wichtigste Ziel, das ich heute im Austausch mit Ihnen verfolge.

Es ist bekannt, dass die Muslime als erste unter der Gewalt leiden und auch stets den Preis dafür bezahlen. Angesichts der Karikaturen, die in Frankreich wiederholt veröffentlicht wurden, dieser Karikaturen, die den Propheten des Islam und der Muslime zeigen, fühlen sich die Muslime jedes Mal verletzt, vor den Kopf gestoßen und manchmal auch missverstanden. Inwieweit kann auf die Gefühle der Muslime Rücksicht genommen werden?

PR:
Sehen Sie, da fängt es schon mit einem der Missverständnisse der letzten Wochen an, in jedem Fall mit einem Missverständnis oder, strenger ausgedrückt, dem Ursprung vieler Manipulationen, nämlich dem Thema Karikaturen. Das ist kein neues Thema. Ich erinnere daran, dass es vor inzwischen mehr als 15 Jahren bereits für schlimme Kontroversen mit Dänemark gesorgt hat, das seinerzeit von Frankreich unterstützt wurde, während es nun also Frankreich selbst trifft. Unser Land hat seine Geschichte, und die Geschichte unseres Landes ist, das Gemeinwesen errichtet zu haben, indem es gewissermaßen aus der Religion extrahiert wurde. Das ist es, was man oft als Laizismus bezeichnet, denn Frankreich hat eine Geschichte durchlebt, die in erster Linie mit der katholischen Religion zusammenhängt. Wir haben unsere Gesetze geschaffen, die aus dem Geiste der Aufklärung hervorgingen, und diese Gesetze lassen sich auf das französische Volk, dieses souveräne Volk, zurückführen. Und in unseren Gesetzen, unseren Grundsätzen, unseren Rechten sind die Freiheiten des Einzelnen enthalten, die von mir schon erwähnte Religionsfreiheit, die wir verteidigen und die in unserem Land praktiziert wird, aber auch die Gewissens- und die Meinungsfreiheit. Das bedeutet, dass in unserem Land, in Frankreich, jeder, der Journalist ist, sich frei über den Staatspräsidenten, die Regierung, die politische Mehrheit und Minderheit sowie die übrige Welt äußern darf. Diese Meinungsfreiheit umfasst auch die Möglichkeit, zu zeichnen und Karikaturen anzufertigen. Das ist unser Recht. Es reicht weit zurück, bis ins ausgehende 19. Jahrhundert. Es ist wichtig, dieses Recht zu verteidigen, denn es ist jenes, welches das französische Volk will, und wir sind der Souverän in unserem Land. Dieses Recht hat dazu geführt, dass es in den Zeitungen Karikaturen gibt, und auch dahinter steht eine Geschichte. Diese Karikaturen haben sich schon immer über die politische Führung lustig gemacht, allen voran auch über meine Wenigkeit, was normal ist, sowie über viele Religionen, über alle Religionen. Und wenn wir über Karikaturen sprechen, möchte ich, dass Sie wissen, dass viele Zeitungen wie Charlie Hebdo, wenn wir schon dabei sind, anfangs vor allem den Gott der Christen, die jüdische Religion, die Rabbiner usw. in Karikaturen abgebildet haben, und nun in der Tat seit mehreren Jahren den Propheten Mohammed und auch die muslimische Religion als Karikatur darstellen. Ich verstehe die Gefühle, die dadurch ausgelöst werden, und ich respektiere sie, aber ich will, dass Sie die Aufgabe verstehen, die mir dabei zukommt. Meine Aufgabe ist es, die Dinge zu beruhigen, wie ich es hier tue, aber auch, diese Rechte zu schützen. Und es gibt einen wichtigen Unterschied, den alle Muslime, die womöglich schockiert waren, verstehen müssen: Es geht nicht darum, ob Frankreich oder der das Land repräsentierende Staatspräsident diese Karikaturen anfertigt oder sie als solche unterstützt – das ist nicht das Thema, weil es sich um freie Presse handelt, nicht um staatliche Publikationsorgane, und es nicht die französische Regierung ist, die diese Karikaturen angefertigt hat –, sondern darum, ob der französische Staatspräsident damit einverstanden ist, dieses Recht abzuschaffen. Und da lautet die Antwort nein, weil es sich um ein Recht des französischen Volkes handelt und es alle betrifft. Wichtig ist also, dass ich diese Freiheit bewahren muss. Ich möchte, dass auf dieser Grundlage alles unter Achtung des oder der anderen geschieht, doch diese Freiheit ist wichtig. Viele Dinge, die in den vergangenen Wochen über die Karikaturen gesagt wurden, kann man verurteilen, und das ist gut so. Ich finde es auch vollkommen normal, dass, wenngleich diese Karikaturen in Frankreich gemacht werden können, es in anderen Ländern, die sich ebenfalls der Meinungsfreiheit verpflichtet fühlen, Leute gibt, die sagen: Damit sind wir nicht einverstanden. […] Doch es gibt zwei Dinge, die ich nicht hinnehmen kann. Das erste ist die Verwirrung, die von vielen Medien, manchmal auch politischen und religiösen Führungsfiguren, gestiftet wurde, indem es hieß, dass diese Karikaturen gewissermaßen von der französischen Regierung oder dem Staatspräsidenten geplant oder hervorgebracht worden seien. Nein, ich bin dazu da, dieses Recht zu schützen und werde es immer schützen. Aber es gibt Leute, die es ausüben, so ist das. Das zweite ist, dass gewalttätige Reaktionen darauf in direkter oder indirekter Weise gerechtfertigt werden. Ich bin kein Theologie-Spezialist, aber mir ist nicht bekannt, dass der Islam den Einsatz jeglicher Gewalt legitimieren oder unterstützen würde. Und daher verstehe und respektiere ich es, dass man von diesen Karikaturen schockiert sein kann, aber ich werde niemals hinnehmen, dass man eine physische Gewalttat aufgrund dieser Karikaturen rechtfertigt, und ich werde in meinem Land stets die Freiheit verteidigen, seine Meinung zu äußern, zu schreiben, zu denken und zu zeichnen. Das bedeutet nicht, dass ich persönlich alles unterstütze, was gesagt, gedacht und gezeichnet wird, aber es bedeutet, dass es meiner Ansicht nach unsere Berufung ist, diese Freiheiten und diese Menschenrechte, die in Frankreich erdacht, angestrebt und geschaffen wurden, ebenso zu schützen wie die Souveränität des französischen Volkes, das dies verlangt.

Herr Präsident, ich leite die Fragen an Sie weiter, die von Zeit zu Zeit in der arabischen und der muslimischen Welt gestellt werden und die sich auf einige Äußerungen von Ihnen beziehen. In Ihrer Rede anlässlich der Trauerfeier für den ermordeten Lehrer Samuel Paty haben Sie gesagt, dass, ich zitiere, „wir nicht auf Karikaturen und Zeichnungen verzichten werden, auch wenn andere zurückweichen“. Diese standhafte Haltung stützt sich auf die Meinungsfreiheit, doch in der unmittelbaren Situation wird sie als eine Art Kampfansage und Nicht-Berücksichtigung der Gefühle der Muslime wahrgenommen. Wie muss das bewertet werden?

PR:
Bezüglich des von Ihnen genannten Satzes, und ich danke Ihnen dafür, ihn wörtlich zitiert zu haben, gab es in den Übersetzungen vieler Medien der arabischen Welt, die ich in den sozialen Netzwerken gesehen habe, eine Lüge. Es hieß, ich hätte gesagt: „Ich unterstütze die Karikaturen, die den Propheten erniedrigen“. Das habe ich nie gesagt, denn zunächst einmal betreffen diese Karikaturen – und das ist wichtig für alle Muslime, die uns zuhören – ausnahmslos alle Religionen – es gibt keine Karikaturen, die stärker auf die eine Religion abzielen als auf die andere – und darüber hinaus alle führenden Politiker. Zweitens habe ich gesagt, dass ich dieses Recht schütze, weil es meine Aufgabe ist und ich zudem der Ansicht bin, dass wir in der Gesellschaft diesen gegenseitigen Respekt akzeptieren und sorgsam damit umgehen müssen. Doch es steht mir als Staatspräsident nicht zu, dieses Recht zu mindern, weil manche schockiert sind. Ich möchte, dass Sie das verstehen, denn wenn ich dies täte, würde ich in meinem Land eine Art moralische oder religiöse Ordnung errichten. Ich würde den Leuten, die schreiben oder zeichnen, sagen: „Sie haben nicht das Recht, das zu sagen, weil es andere schockiert.“ Und damit würde die Meinungsfreiheit allmählich beschnitten, weil sie sich dann zu dem Raum entwickelt, der gewissermaßen dafür sorgt, dass man nicht mehr übereinander redet. Darin besteht die ganze Schwierigkeit unseres gemeinsamen Vorhabens, und ich glaube an das Konzept der Aufklärung und der von uns vertretenen Werte, das nicht vorsieht, dass wir nebeneinander her leben, sondern dass wir uns darauf einlassen, einander mit Mäßigung und dem gebotenen Respekt, an den ich glaube, zu kommentieren und uns manchmal unabhängig von unserer Religion oder unserer Philosophie übereinander lustig zu machen, unter dem Vorbehalt, dies in einem respektvollen und friedlichen Rahmen zu tun. Und was den Satz betrifft, den Sie zitiert haben, glaube ich, dass die Reaktionen der muslimischen Welt zuallererst den vielen Lügen, dem von mir angesprochenen Herauslösen aus dem Kontext und der Tatsache geschuldet sind, dass die Leute zu verstehen glaubten, ich sei ein Befürworter dieser Karikaturen. Ich sage ihnen: Darum geht es gar nicht. Ich befürworte es, dass man in meinem Land frei schreiben, denken und zeichnen kann, weil ich denke, dass es wichtig ist und dass es sich um ein Recht und um unsere Freiheiten handelt. Ich verstehe, dass das schockieren mag und respektiere das, aber wir müssen darüber reden. Wir müssen darüber reden. Wir müssen diesen Raum des Respekts und des gegenseitigen Verständnisses aufbauen. Doch ich denke, dass die Lösung nicht darin liegt, dieses Recht zu verwehren, und natürlich noch weniger darin, jedwede Gewalt damit zu rechtfertigen, dass dieses Recht schockiert.

Wenn es um Karikaturen geht, dieses immerwährende Thema, das die Schlagzeilen beherrscht, verweigern sich die Muslime jeglichen solchen Darstellungen von Moses, Jesus und der Jungfrau Maria, aber sie stellen fest, dass die Zeichnungen, die Karikaturen von Mohammed, dem Propheten des Islam, leicht weiterverbreitet werden. Die Veröffentlichung ist sehr einfach, die Wiederveröffentlichung auch, diese Weiterverbreitung, als wenn es sehr einfach sei, den Propheten des Islam mehr als die anderen in Karikaturform abzubilden.

PR:
Nein, wie ich Ihnen gesagt habe, ist das zum einen faktisch falsch und zum anderen geschichtlich gesehen unzutreffend. Die Katholiken unseres Landes waren manchmal auch sehr schockiert über das, was sie gesehen haben, und ich weiß, dass die Juden es ebenfalls waren. Daher müssen wir darüber diskutieren. Wissen Sie, wenn es einen selbst betrifft – und damit meine ich nicht die religionsbezogenen Karikaturen, sondern spreche von mir als führendem Politiker – kann es einem nicht gefallen, aber nur, weil einem etwas nicht gefällt oder es einen schockiert, rechtfertigt das wiederum nicht die Gewalt. Ich weise die Vorstellung zurück, dass es eine Form von Stigmatisierung gäbe. Das stimmt nicht. […]

Ich möchte allen Muslimen auf der Welt sagen: Es gibt in Ihren Ländern Dinge, die bestimmten Religionen oder eventuell Staatsangehörigen meines Landes nicht unbedingt gefallen, aber greifen diese Sie an, weil es ihnen nicht gefällt oder sie schockiert? Nein. Wir müssen einander besser kennenlernen und verstehen, woher unsere Gesetze und unsere Gewohnheiten kommen. Doch nichts in diesen Karikaturen und nichts an der Meinungsfreiheit richtet sich gegen irgendeine Religion und insbesondere nicht gegen den Islam. In unserem Land sind diese Dinge von Bedeutung – und doch haben viele Länder auf der Welt, wie ich mit gewisser Traurigkeit feststelle, in den letzten Jahrzehnten von der Meinungsfreiheit Abstand genommen, weil es Kontroversen gab, aus Angst oder aufgrund des durch die Reaktionen ausgelösten Chaos. Es gibt also eine Art Beschneidung dieser Freiheit, zu zeichnen, zu diskutieren und manchmal zu provozieren – eine Beschneidung, die, wie ich glaube, gravierend für unser aller Freiheit ist. […]

[…]

Die Muslime weisen oft, wenn es um den Islam in Frankreich geht, auf den Antisemitismus hin. Warum gibt es Gesetze, die Antisemitismus unter Strafe stellen? Warum gibt es Gesetze, die die Debatte über bestimmte historische Tatsachen unterbinden? Zum Beispiel der Revisionismus bezüglich bestimmter Dinge, die unantastbar sind und vom französischen Gesetz geschützt werden. […] Gibt es nicht eine Möglichkeit, Gesetze zu verabschieden, die auch die heiligen Symbole des Islam unter Schutz stellen?

PR:
Da bringen Sie zwei Dinge durcheinander: die Geschichte, die Achtung der Völker voreinander und die Religionen. Frankreich bekämpft den Antisemitismus und den Rassismus in all seinen Formen, und der Antisemitismus als solcher ist der Angriff und der Hass auf ein Volk sowie das Infragestellen seines Existenzrechts, richtet sich aber gegen alle Völker.

Antisemitismus und Rassismus werden in Frankreich von Rechts wegen bekämpft und sind gesetzlich verboten. Das gilt also nicht nur für den Antisemitismus, was falsch wäre, sondern für alle Formen des Rassismus. Doch genauso hat man in Frankreich das Recht, Karikaturen anzufertigen – um das Thema von eben aufzugreifen – und die jüdische Religion zu kritisieren, so wie alle Religionen. Es wird also nicht mit zweierlei Maß gemessen, keine Religion genießt einen höheren Status als die andere. Das ist vollkommen falsch. Es stimmt, dass es in Frankreich ein Gesetz gibt, das Geschichtsrevisionismus unter Strafe stellt, weil viele Leute ihren Antisemitismus auf der Leugnung der Shoah begründet haben. Bei dieser handelt es sich um eine historische Tatsache. In Frankreich geben wir lediglich einer historischen Tatsache einen gesetzlichen Rahmen. Schauen Sie in andere Länder, wo man die Augen vor diesem oder jenem Völkermord verschließt oder es ablehnt, bestimmte schmerzhafte Ereignisse der Geschichte im Unterricht zu lehren. Das gibt es in Frankreich nicht. Wir bekennen uns zu den Dingen, im Übrigen auch zu den Verbrechen, die wir selbst begangen haben. Ich erinnere daran, dass Jacques Chirac vor nunmehr 25 Jahren die Verantwortung des État français für das, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, anerkannt hat. Wir haben uns selbst zu dem bekannt, was zu Zeiten der Sklaverei und des Kolonialismus getan wurde. Frankreich blickt also vor dem Hintergrund der Wahrheit auf seine Geschichte und erwartet, dass jeder dies tut und der Hass sich nicht von einer schöngefärbten, bereinigten oder verfälschten Geschichtsschreibung nährt. […] Jegliche Formen des Rassismus und Antisemitismus werden in Frankreich im Namen des Gesetzes bekämpft. Bedeutet das damit auch, dass es sie nicht gibt? Es gibt sie, und sie sind ein schreckliches Übel, gegen das wir ankämpfen. […]

Wir bekämpfen all diese Taten in gleichem Maße […] Heute, in diesem Moment, wo ich mit Ihnen spreche, gibt es in Frankreich Leute, die Straftaten gegen Muslime begehen, weil sie Muslime sind, gegen Katholiken, weil sie Katholiken sind, gegen Protestanten, weil sie Protestanten sind, gegen Juden, weil sie Juden sind, und so weiter. Und daher war es mein Wunsch, dass der Innenminister einem Parlamentsmitglied als Sonderbeauftragten die Verantwortung dafür überträgt, all diese Taten, die in unserem Land gegen unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger aufgrund ihrer Religion begangen werden, zu erfassen, nachzuverfolgen und offenzulegen.

Nach all der Kritik, die Frankreich in den letzten Wochen erfahren hat, nun auch noch die Boykottaufrufe. Wie reagieren Sie darauf?

PR:
Diese Aufrufe sind unwürdig und ich verurteile sie. Sie gehen jedoch auf einige Privatgruppen zurück, die nicht verstanden haben, worum es geht, und sich auf die Lügen, auf die Karikaturen stützen, sie gehen zum Teil auch auf andere Staats- und Regierungschefs zurück. Das ist nicht hinnehmbar. […] Ich sage das auch zu vielen Staatschefs: Wir haben in Frankreich Pressefreiheit. In vielen Ländern, die zum Boykott aufgerufen haben, gibt es keine Pressefreiheit mehr, d.h. es ist nicht mehr möglich, Karikaturen zu veröffentlichen, weder von Propheten, Gott oder Moses, noch von den politischen Verantwortlichen des Landes selbst. […] Das ist in Frankreich nicht der Fall. Wenn eine französische Zeitung etwas schreibt, dann ist das nicht die Position der Regierung. Und ein Land bzw. ein Volk zu boykottieren, weil eine Zeitung in unserem Land etwas zum Besten gegeben hat, ist verrückt. […] Die Worte eines Journalisten sind keine Propaganda. Die gibt es bei uns nicht mehr, und darüber bin ich sehr froh.

Fürchten Sie Auswirkungen auf die Franzosen und auf die französischen Unternehmen im Ausland?

PR:
Ich denke, dass alle politischen und religiösen Führungskräfte, die jede Form von Gewalt gegenüber Frankreich als Land der Freiheit und der Aufklärung nicht aufs Schärfste verurteilen, direkt oder zumindest indirekt Verantwortung tragen, wenn Franzosen in Frankreich oder im Ausland Gewalt zugefügt wird. Daher ist diese freundschaftliche und beschwichtigende Botschaft heute auch ein Appell an die Verantwortung. Ich habe in den letzten Tagen zu viele inakzeptable Dinge über Frankreich gehört. Da werden all die Lügen untermauert, die es über uns gibt; all das, was ich gesagt haben soll. Diese Leute machen sich so zu schweigenden Komplizen schlimmster Taten. Ich möchte, dass Sie verstehen, was wir in Frankreich alles tun. Wir bekämpfen den Terrorismus seit Jahren mit aller Kraft. Mehr als 300 Mitbürgerinnen und Mitbürger und auch Menschen aus dem Ausland, die in Frankreich lebten, sind ihm zum Opfer gefallen. Dieser Terrorismus im Namen des Islam ist eine Geißel für alle Muslime weltweit; sie haben es eben selbst gesagt. Wenn man sich die Zahlen der letzten 40 Jahre in der Welt anschaut, stellt man fest, dass 80% der Opfer dieses Terrorismus Muslime sind. Wenn in Nigeria junge Frauen von islamistischen Gruppierungen entführt werden, dann sind diese Opfer und ihre Familien Muslime. […] Ich könnte hierzu etliche Beispiele nennen. Die Hauptopfer des Terrorismus im Namen des Islam sind die Muslime. Wir bekämpfen diesen Terrorismus, weil er uns in unserem Land angreift. Darüber hinaus gibt es eine zweite Kategorie, der ich den Kampf angesagt habe. Und hier gab es aufgrund der problematischen Übersetzung Unverständnis. Es geht um das, was wir in Frankreich als den radikalen Islamismus bezeichnen. Was heißt das? Das sind gewalttätige Extremisten, die die Religion missbrauchen und im Namen des Islam Gewalttaten begehen. Und dieser Kampf wurde als ein Kampf gegen den Islam ausgegeben. Nein, im Gegenteil. In Frankreich leben mehrere Millionen Menschen, deren Religion der Islam ist. Ich werde sie doch nicht bekämpfen. Sie sind vollwertige Staatsbürger, sie wollen in Frieden leben. Und wir haben überall befreundete Länder, deren Hauptreligion der Islam ist. Aber es gibt heute gewaltbereite Extremisten, die diese Religion veruntreuen und im Namen des Islam Schlimmstes anrichten. Und das sind keine Terroristen. Was machen sie? Sie nehmen Kinder aus der Schule, indoktrinieren sie und verherrlichen Gewalt. Sie agieren in Frankreich in Verbindung mit Gruppierungen im Ausland. Wir versuchen also seit drei Jahren mit aller Kraft ihren Einfluss zu schwächen, um unser Volk zu schützen und auch, um alle Französinnen und Franzosen muslimischen Glaubens zu schützen, weil die Extremisten Gefühle nähren, die sowohl diesen Französinnen und Franzosen als auch eben dieser Freundschaft zwischen den Religionen schaden können. Und weil all das im Namen einer Religion geschieht, kommt Unverständnis auf. Daher habe ich in meiner Rede in Les Mureaux Anfang Oktober erneut meine Entschlossenheit zur zeitnahen Umsetzung eines Gesetzentwurfs bekräftigt, dem man die Bezeichnung „Anti-Separatismus“ zugeschrieben hat, der jedoch, um die Unklarheiten zu beseitigen, darauf abzielt, jene gewalttätigen extremistischen Gruppen und Personen zu bekämpfen, die im Namen des Islam handeln. Damit werden alle Französinnen und Franzosen geschützt, und in besonderem Maße jene, deren Religion der Islam ist. Was werden wir also tun? Wir werden verhindern, dass diese Personen die Kinder der Republik von der Schule nehmen und dass sie Mittel zur Finanzierung ihrer terroristischen Aktivitäten erhalten. Wir werden also finanzielle Transparenz schaffen. Und wir werden vor allem sicherstellen – und das ist für mich in Frankreich von wesentlicher Bedeutung –, dass jede Person unabhängig von ihrem Glauben – darum geht es hier nicht – und ihrer Religion die Gesetze der Französischen Republik voll und ganz anerkennt. […]

Nein, wir haben kein Problem mit dem Islam, kein einziges. Schließlich ist unsere intellektuelle und kulturelle Geschichte mit dem Islam verschränkt. Wir sind eines der ersten Länder, das den Koran übersetzt hat. An der Sorbonne, in Frankreich, wird er seit dem 17. Jahrhundert übersetzt und gelehrt, und dort fanden wichtige Auseinandersetzungen statt. Wir sind eines der ersten Länder, das im Herzen der Hauptstadt eine wunderschöne Moschee eröffnet hat, die Große Pariser Moschee. Und fragen Sie unsere religiösen Vertreter, den Vorsitzenden des Conseil français du culte musulman oder den Rektor der Großen Pariser Moschee: Sie werden Ihnen dasselbe sagen wie ich gerade. Der Kampf, den wir gerade führen und dem für unsere Generationen entscheidende Bedeutung zukommt, ist ein Kampf gegen den Terrorismus, gegen den gewalttätigen Extremismus und gegen jegliche Rechtfertigungsdiskurse für diese Gewalt im Namen des Islam. Es ist ein Kampf zum Schutz unser Mitbürgerinnen und Mitbürger in allen Ländern der Welt, unabhängig ihrer Religion, einschließlich der Muslime.

Islam, dieses Wort haben Sie in Ihrer Rede in Les Mureaux gesagt, und vor allem den folgenden Satz, der verbreitet und mehrfach veröffentlicht wurde. Ich zitiere: „Der Islam ist eine Religion, die heute überall in der Welt eine tiefe Krise durchlebt.“ Natürlich wurde dieser Satz in einer Rede gesagt, die 70 Minuten lang ist, aber die Aufmerksamkeit richtete sich auf diesen Satz, der viele Menschen wütend gemacht hat. Was meinen Sie mit diesem Satz und dieser Diagnose?

PR:
[…] Was ich damit ganz klar zum Ausdruck bringen wollte ist, dass es heute auf dieser Welt Menschen gibt, die im Namen dieser Religion selbige deformieren und behaupten, sie zu verteidigen. Menschen, die töten, morden, Kehlen durchschneiden und sich einer Rhetorik bedienen, die eine Art Ausstieg aus der sie umgebenden, von Menschengruppen bevölkerten Welt rechtfertigt. Und ich wollte sagen, dass es heute eine von Bewegungen und einzelnen Extremisten im Namen des Islam getragene Gewalt gibt. Das ist natürlich ein Problem für den Islam, denn die Muslime fallen ihr am häufigsten zum Opfer. […]

Also steckt nicht der Islam in der Krise, sondern die ganze muslimische Gesellschaft?

PR:
Unsere Gesellschaften stecken in der Krise, weil wir überall Menschen haben, die im Namen einer Religion, in der sie sich im Übrigen oft schlecht auskennen, manchmal gemeinsam mit anderen Personen, die sich besser auskennen oder es zumindest vorgeben, das Schlimmste begehen: Terroranschläge, Gewalttaten und politische Aktionen, die mit unseren Werten und der Fähigkeit zum Zusammenleben gänzlich unvereinbar sind. Das reicht von diesen gewalttätigen Extremisten bis hin zum Terrorismus. Diese Menschen sind eine Gefahr für unsere Gesellschaften, das erleben wir immer wieder. So musste Tunesien das am eigenen Leib mit Anschlägen von genau diesen Terroristen im Bardo-Museum erfahren. In Algerien gab es vor Jahrzehnten schreckliche Anschläge, die von Extremisten im Namen dieser Religion verübt wurden. Auch in Afghanistan gab es sie. Heute gibt es sie in der Sahelzone, in Subsahara-Afrika und in unseren Gesellschaften. Wir können nicht so tun, als ob nichts wäre. […] Es ist für uns alle absolut lebensnotwendig, dass sich alle Muslime weltweit über diese Situation im Klaren sind und all jenen helfen, die die Gewalt bekämpfen wollen. […] Im Grunde hat sich eine Ideologie in der Welt herausgebildet, die durch das Verfälschen einer Religion zu einer Ideologie des Todes geworden ist. Das ist gewalttätiger Extremismus im Namen des Islam. Das ist es, was Al-Qaida getan hat. Das ist es, was der sogenannte Islamische Staat tut. Und genau das ist es, was die Gruppierungen des Islamischen Staates und viele andere in der Sahara tun. Und hinter all diesen Terrorgruppen stehen Menschen, die behaupten, Prediger, Intellektuelle, Organisatoren zu sein, auch in unseren Gesellschaften, und die manchmal Reden halten, die an der Grenze des Annehmbaren zu sein scheinen, die aber diesen Einsatz von Gewalt rechtfertigen. Und deshalb brauchen wir alle unsere „roten Linien“. Und insbesondere die klare Verurteilung jeglicher Gewalt ist eine rote Linie. Und wenn ich heute Anführer sehe, und ich sage es noch einmal, politische oder religiöse, die Enthauptungen oder Terrorismus rechtfertigen, weil sie sich durch eine Zeichnung gedemütigt oder verletzt fühlen, dann haben diese Leute ihre Seite gewählt. Diese Menschen (…) verteidigen nicht mehr die Muslime weltweit, sie verteidigen Terroristen und rechtfertigen ihr Handeln. […]

Muslime in Frankreich, französische Muslime, diese Gemeinschaft muss zufriedengestellt und beruhigt werden.

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Natürlich, denn all das hat Auswirkungen auf uns. […] Der französische Staat kennt keine Religion. In der französischen Gesellschaft sind alle willkommen. Und so müssen alle Französinnen und Franzosen ihre Religion in Ruhe ausüben können. Und alle Französinnen und Franzosen, unabhängig von ihrer Herkunft und ihren eventuellen anderen Nationalitäten, müssen konsequent alle Gesetze der französischen Republik respektieren. Nur so funktioniert es. […] Ihr Glaube spielt für mich keine Rolle. Mich interessiert lediglich, ob sie alle Gesetze der Republik einhalten. Ich werde nie hinnehmen, dass sie aufgrund ihrer Religion ein Gesetz nicht achten, so lange sie auf französischem Boden leben. Aber ich möchte, dass sie in unserem Land friedlich und in Ruhe an ihren Gott glauben können, welcher auch immer das sein möge. Und wenn in Frankreich Muslime angegriffen werden, möchte ich ihnen sagen, dass wir unerbittlich sein werden. […]

Herr Präsident, Sie haben von Separatismus gesprochen, diesem Begriff, der sich in kurzer Zeit weit verbreitet hat und über den alle Welt spricht. Man hat den Eindruck, dass dieser Begriff die Muslime in Frankreich stigmatisiert. Und in Ihrer Rede in Les Mureaux haben Sie gesagt: „Wir haben uns selbst unseren eigenen Separatismus geschaffen“. Trägt der Staat etwa auch die Verantwortung?

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Ja, ich sagte, dass unsere Politik in jedem Fall auf die Bekämpfung dieser gewalttätigen Extremisten abzielt, die im Namen des Islam handeln. Aber dass der Staat auch wieder politisch etwas für die vielen Kinder in unserem Land tun muss, die auf unserem Boden leben und sich im Stich gelassen fühlen, denn unsere Situation ist mir wohl bewusst. Warum habe ich vorhin über Separatismus gesprochen, und warum entspricht es dem, was ich vorhin beschrieben habe? Weil es Gruppierungen gibt, die ich gewalttätige Extremisten nenne, die im Namen des Islam handeln und dabei die Religion missbrauchen, die sie lehren und im Rahmen von Vereinen erläutern und dazu die Freiheiten und Rechte nutzen, die die Republik, unser Land ihnen bietet. Sie lehren, dass Frankreich kein Respekt entgegengebracht werden muss, dass unser Recht nicht eingehalten werden muss, dass unsere Gesetze in gewisser Weise umgangen werden müssen. Sie lehren, dass Frauen und Männern nicht gleichgestellt sind. Sie lehren, dass kleine Mädchen nicht die gleichen Rechte haben sollen wie kleine Jungen.

Aber nicht bei uns. Ich sage Ihnen das ganz klar und deutlich, nicht bei uns. Wir glauben an die Aufklärung. Und die Bürgerinnen haben die gleichen Rechte wie die Bürger. Das ist existentiell. Und deshalb werde ich nie, niemals eine Vereinigung akzeptieren, die versucht, dagegen anzukämpfen, auch wenn sie dies im Namen einer Religion tut und dabei auf ihr Recht pocht. Wer behauptet, dass ein kleines Mädchen weniger wert ist als ein kleiner Junge, dass sie nicht die gleiche Ausbildung erhalten wird, dass sie nicht die gleichen Chancen erhält, weil das so nicht in unserem Recht geschrieben steht. Wer so denkt, soll dies woanders tun, aber nicht auf französischem Boden. Ich sage also, dass diese Gruppen, die auf unserem Boden auf ihr Recht pochen und einen Teil der Gesellschaft abspalten wollen, dass wir sie ganz klar bekämpfen müssen, weil sie beschlossen haben, sich abzuspalten. Das ist nicht gegen Muslime gerichtet, das möchte ich noch einmal betonen, sondern gegen diese gewalttätigen Extremisten, die unsere Gesetze nicht respektieren wollen. […]

Ferner habe ich gesagt, dass wir eine Verantwortung haben, denn wenn ich mir die Strategie dieser Extremisten und manchmal dieser Terroristen ansehe, bauen sie ihre ganzen Reden, ihr ganzes Narratif auf Verbitterung auf. Das heißt, sie erklären den Muslimen, dass sie vom Westen nicht gut behandelt, gedemütigt, kolonialisiert wurden, dass sie in ihren Gesellschaften nicht gut behandelt werden. Ich schaue mir zuerst die Fakten an, denn wir haben eine Geschichte. Ich habe bereits über den Kolonialismus und die Geschichte Frankreichs auf mehreren Kontinenten gesprochen. […] Aber es macht mich betroffen zu sehen, dass diese Reden extremistischer Gruppen junge Menschen erreichen, die die Kolonisierung nie kennengelernt haben, die mitunter bereits seit Generationen in Frankreich leben. Und warum funktioniert es? Weil es tatsächlich eine Verbitterung gibt, die eher wirtschaftlicher und sozialer Natur ist. Und deshalb denke ich, dass wir in Frankreich nicht genug dafür getan haben, dass alle auf unserem Boden geborenen oder aufgenommenen Kinder gleichberechtigt erfolgreich sein können. Und hier möchte ich nicht, dass wir zwei Dinge miteinander verwechseln. Das hat nichts mit Religion zu tun. Sehr wenig. Das hat oft mit dem Vornamen, dem Nachnamen, der Hautfarbe oder dem Ort zu tun, an dem sie leben.

Also bedarf das Modell der Integration in Frankreich einer Verbesserung.

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Ja, wir brauchen ein größeres kollektives Engagement, denn heute haben wir, wie ich es nennen würde, Korporatismen, die die Gesellschaft blockieren. Sie betreffen alle, wissen Sie. Sie betreffen auch junge Menschen, die in Stadtvierteln aufwachsen, die nicht zu den schwierigsten in der Gesellschaft zählen, und vor allem betreffen sie junge Menschen, die aus bescheidenen Verhältnissen stammen und oft einen Migrationshintergrund sowie eine andere Hautfarbe haben. Das ist eine Tatsache, der ich ins Auge sehe. Wir müssen also viel mehr mit unserer Wohnungspolitik erreichen. Wir haben bereits vor drei Jahren damit begonnen, aber auch das will ich durch unsere Wohnungspolitik beschleunigen, um den Zugang zu Wohnraum auf dem Staatsgebiet ausgeglichener zu gestalten. Aber wir müssen viel mehr für die Beschäftigung tun, und die Lösung in diesen Stadtgebieten, mit der vermieden werden soll, dass es den gewalttätigen extremistischen Gruppen gelingt, erfolgreich zu sein und zu indoktrinieren, besteht darin, zum republikanischen Traum zurückzufinden, zu einem französischen Traum, darin, dass es diesen jungen Menschen ermöglicht wird, wirtschaftliche Chancen zu ergreifen, dass sie in Start-ups, beim Film, in der akademischen Welt, beim ökologischen Wandel erfolgreich sind. Derzeit sind sie jedoch stärker blockiert als der Rest der Gesellschaft. Das stimmt.

Man hat den Eindruck, dass Religion für den französischen Laizismus allgemein ein extrem sensibles Thema ist.

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Ich habe manchmal den Eindruck, dass für bestimmte Religionen der französische Laizismus ein extrem sensibles Thema ist.

[…]

Ich habe noch nie erlebt, dass Jemand im Namen des französischen Laizismus zum Tode verurteilt wurde. Wenn Sie mir diese Unterscheidung erlauben. Aber ich möchte, dass alle Welt das so klar unterscheidet wie ich, die rote Linie sieht, dass jeder, der Todesurteile verhängt oder eine gewalttätige Handlung rechtfertigt, für mich auf der anderen Seite steht. Wenn wir uns darüber einig sind, haben wir im Laufe dieser Sendung bereits große Fortschritte gemacht.

Fernab von Gewalt und Verurteilungen, man hat den Eindruck, dass Religion und vor allem der Islam, bestimmte Aspekte des Islams, für den französischen Laizismus ein sensibles Thema sind. Seit 30 Jahren reden wir über das Kopftuch und die islamische Verschleierung. In Großbritannien oder anderen europäischen Städten gibt es diese Art von Debatte nicht. Aus der Ferne wird diese Sensibilität deutlich. Warum ist das so?

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Ich werde Ihnen zunächst sagen, warum das so ist, was Laizismus bedeutet und warum es Unterschiede zu anderen Gesellschaften gibt. Ich sage nicht, dass es in Frankreich besser ist. Ich werde nur versuchen, Ihnen zu erklären, warum das so ist. Laizismus bedeutet die Möglichkeit zu glauben oder nicht, ohne dass dies irgendwelche Auswirkungen auf Ihre Staatsbürgerschaft hat, und somit ist der Laizismus ein Gesetz der Freiheit. Deshalb können sie in Frankreich, wie ich bereits sagte, glauben oder nicht, egal welcher Religion sie angehören. Überprüfen Sie das ruhig kritisch: Wie behandeln denn viele Länder, die uns manchmal Lektionen erteilen, einige ihrer eigenen Mitbürger, wenn diese einer bestimmten Religion angehören? Haben sie die gleichen Rechte? Oftmals nicht. Zudem gilt das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat, d.h., der Staat ist neutral und mischt sich nicht in religiöse Angelegenheiten ein. Er finanziert sie nicht, er reguliert sie nicht, und diejenigen, die im Dienste des Staates stehen, die Beamte sind, folgen dem Grundsatz der Neutralität, sie dürfen keine Symbole einer Religionszugehörigkeit nach außen tragen und müssen allen gleich dienen. Und an unseren Schulen muss unseren Schülern, deren noch junges Bewusstsein wir prägen, dieser neutrale Raum geboten werden. Deshalb gibt es in unseren Schulen für Schüler bis 18 Jahre keine religiösen Symbole. An den Universitäten kann es sie geben. Ein für allemal sei gesagt, Laizismus bedeutet nicht das Auslöschen von Religionen. Das ist nicht wahr. In der Gesellschaft können also alle Religionen ausgelebt werden. Sie können in den Straßen Menschen sehen, die Kopftücher, das Kreuz oder die Kippa tragen. […] Aber es gibt diese Orte der Neutralität, dort, wo der Staat vertreten ist, dort gibt es diese Unterscheidung. Deshalb sage ich noch einmal ganz deutlich: In Frankreich steht das Prinzip des Laizismus nicht im Widerspruch zum Islam als Religion, keineswegs. Tatsache ist, dass zu der Zeit, als sich die Religionen herausbildeten, der Islam in Frankreich nur sehr wenig präsent war. […] Im Zuge der Migrationswellen der 1960-1970 Jahre, die in den letzten Jahrzehnten nicht abebbten, hat sich der Islam in unserem Land ausgeweitet. […]

Warum also liegen die Dinge in unserer Gesellschaft anders als zum Beispiel in Großbritannien? Weil wir kein sogenanntes multikulturelles Land sind, keine multikulturelle Gesellschaft. Es ist wahr, dass sich angelsächsische Länder, manchmal auch andere Länder in Europa, in Bezug auf die Religionen ganz anders entwickelt haben. […]

Worum wir uns alle bemühen müssen, ist, unabhängig von der Religion, jeden anzuerkennen, ihn zu umarmen, ihn in Frieden leben zu lassen und ihm zu sagen: „Wir müssen beständig im Dialog bleiben, um gemeinsam unsere Gesetze zu schaffen. Und du kannst dich nicht im Namen der Religion von der Gesellschaft abwenden“. Und man kann keine Religion im Namen der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft bekämpfen. Das ist Frankreichs Botschaft. […] Und ich denke, wir dürfen diese Botschaft nicht vergessen, denn wenn ich mir den Wahnsinn in der Welt, in der wir leben, und ihre Brutalität ansehe, dann hängt das heute auch damit zusammen, dass Menschen aus demselben Land keine gemeinsamen Gesetze mehr schaffen wollen, sie nicht mehr das gleiche Weltbild haben (…). Sie wollen einfach, dass ihre Religion über andere gestellt ist, dass ihr Weltbild sich über andere erhebt. Und deshalb sage ich in wirklich großer Bescheidenheit und aus Freundschaft im eigentlichen Sinne des Wortes zu allen Muslimen, missversteht nicht, was Meinungsfreiheit in Frankreich bedeutet. […] Helft mir, sie zu verteidigen, denn nur so können wir zusammenleben. Ansonsten können wir nur gegeneinander leben. Ich sage nicht, dass die Menschen perfekt sind, ich sage nicht, dass das, was euch verletzt hat, harmlos war, aber dass es wichtig ist, dass es die Möglichkeit dazu gibt. Und was wir jetzt verstehen müssen, ist, warum etwas verletzend war und wir müssen versuchen, diese Missverständnisse abzubauen. […]

Wir werden jetzt einen Themensprung machen und auf die internationalen Beziehungen mit der Türkei zu sprechen kommen. Was ist mit der Türkei, diesem Land, das mal Verbündeter und mal nicht auf der gleichen Wellenlänge ist? Über Syrien bzw. Libyen gibt es derzeit sehr viele Differenzen. In welche Richtung tendieren die Beziehungen?

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Ich würde gern sagen, das liegt zum großen Teil an Präsident Erdogan. Ich für meinen Teil halte mich an die zuvor genannten Grundsätze. Ich glaube an Freundschaft und Respekt. Ich habe nie ein Staatsoberhaupt beleidigt. Noch nie. Ich respektiere den Präsidenten, den die Türken für sich gewählt haben, und ich stehe an der Seite der Türkei. […] Ich stelle fest, dass die Türkei imperiale Ambitionen in der Region hat, und ich denke einfach, dass diese nicht gerade zur Stabilität in der Region beitragen. Was in Syrien geschehen ist, war meiner Meinung nach für viele Verbündete eine Überraschung und ein Angriff. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren vor Ort, wir waren im Rahmen der internationalen Koalition per Flugzeug in der Region. Und ich möchte daran erinnern, dass wir mit den syrischen demokratischen Streikräften, den kurdischen Kämpfern, den unglaublich mutigen Kämpferinnen und Kämpfern gemeinsam gegen den sogenannten Islamischen Staat in Syrien gekämpft haben. Und was hat die Türkei getan, als der Krieg gegen das Kalifat fast gewonnen war? Es drang in Syrien ein, missachtete jegliche Souveränität und bekämpfte jene, die noch gestern zu unseren Verbündeten zählten. Im Fall Libyen bedauere ich, dass die Verpflichtungen der Libyen-Konferenz in Berlin nicht eingehalten wurden. Wir haben alle, alle die in Berlin zusammensaßen, gesagt, dass wir das Waffenembargo beachten müssen und dafür Sorge tragen, dass kein ausländischer Kämpfer libyschen Boden betritt. Wir haben mehrfach gezeigt, dass mehrere Länder, einschließlich der Türkei, gegen dieses Embargo verstoßen haben. Die Türkei ist dabei nicht allein, aber sie hat es getan. Ich denke, dass allein diese beiden Beispiele zeigen, dass die Türkei heute eine kriegerische Haltung gegenüber den NATO-Verbündeten einnimmt. Ferner war das, was die Türkei im östlichen Mittelmeer getan hat, zutiefst aggressiv gegenüber Zypern und Griechenland. Diese beiden Länder gehören zu Europa. Wir unterstützen die Souveränität Europas. […] Und was streben wir jetzt an? Dass sich die Dinge beruhigen, dass die Türkei, dass der türkische Präsident Frankreich respektiert, dass er die Europäische Union und ihre Werte respektiert, dass er weder Lügen verbreitet noch Beleidigungen äußert. Das wäre wunderbar, und ich denke, das wäre das Mindeste. Und außerdem, dass der türkische Präsident im Einklang mit der Geschichte seines Landes die einseitigen Handlungen gegen mehrere Europäer einstellt. […] Das ist kein französischer, sondern ein europäischer Standpunkt. Gestern haben wir einen Europäischen Rat abgehalten, auf dem die 27 Mitglieder einstimmig Frankreich ihre Unterstützung zusicherten. Und gestern unterstützte Präsident Charles Michel Frankreich ganz klar bei den Angriffen, denen es heute ausgesetzt ist, und er erinnerte darüber hinaus die Türkei an ihre Pflichten.

Es gibt einen Stein im Gebäude der Zivilisation in beiden Welten, den Stein von Rosette, der 1799 von Jean-François Champollion entdeckt wurde. Wie kann dieses Modell kultureller Beziehungen in Zukunft gestärkt werden?

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Ich danke Ihnen, dass Sie zum Schluss auf genau diese Verbindungen von Zivilisation und Wissen zu sprechen kommen. Wie man es stärken kann? Durch eine bessere gegenseitige Verständigung. Wie ich bereits sagte, wird die von mir angestrebte Politik in unsere Hochschulbildung sowie unsere akademische und kulturelle Forschung investieren, um neue Lehrstühle an den französischen Universitäten für die Bereiche Maghreb, Naher und Mittlerer Osten, muslimische Zivilisation zu schaffen. […] Ich bin der Meinung, dass der Weg, den wir heute einschlagen müssen, der des Wissens, der Vernunft, der wissenschaftlichen und akademischen Zusammenarbeit sowie der Bildung ist. Was die Angst nährt, ist Unverständnis. Was Hass nährt, ist die Unwissenheit. Und die Tyrannen dieser Welt halten dies aufrecht. Deshalb ist auf lange Sicht Wissen die effektivste Waffe gegen die Tyrannen, gegen diese Extremisten. Es ist das Verständnis und das Wissen um die Facetten des Anderen mit all seinen Ecken und Kanten und seinen Eigenschaften. Es ist die Fähigkeit, in das Gesicht des Anderen zu blicken und sich der Unterschiede bewusst zu werden. […] Denn wenn die Kontroversen zwischen den Wissenden ausgetragen werden, hört der Kampf zwischen den Unwissenden auf. Und wir sind in der Lage, jedem Einzelnen Wissen zu vermitteln. Davon bin ich fest überzeugt. Ich glaube an Können, an gegenseitigen Respekt und Wissen. Aber um es ganz deutlich zu sagen, haben wir in der kommenden Zeit harte und schwierige Kämpfe auszutragen, weil heute einige Personen das Schlimmste beschlossen haben. Und in diesem Kampf gegen die Unwissenheit, in diesem Kampf, der ein Kampf des Hasses ist, brauche ich alle Frauen und Männer guten Willens, unabhängig von ihrer Religion.

[…]

Letzte Änderung 06/11/2020

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